AG Erinnerungskultur

CoeXisT:
Die Versöhnung von Auschwitz nach Attendorn tragen

Der Schriftzug „CoeXisT“ ziert Kaffeetassen, Einkaufsbeutel, Buttons und Kühlschrankmagnete. Erst bei genauerem Hinsehen erkennt man, dass das „C“ einem islamischen Halbmond  ähnelt, das „X“ an den jüdischen Davidstern erinnert und das „T“ dem christlichen Kreuz-Symbol nachempfunden ist. Verkauft werden die Artikel, die für die friedliche Koeexistenz der drei Weltreligionen werben, an einem Ort, der wie kein zweiter auf der Welt für das genaue Gegenteil von Respekt und friedlichem Zusammenleben der Menschen steht, nämlich für Menschenverachtung und Massenmord. Die Rede ist von Auschwitz.    

Der Ort, zwischen Krakau und Kattowitz gelegen, heißt heute Oswiecim. Die Stadt hatte vor dem 2. Weltkrieg über Jahrhunderte eine große jüdische Gemeinde. Der Umgang zwischen Juden und Christen war nicht konfliktfrei, aber doch von Respekt und von gegenseitigem Nutzen geprägt.  Noch im frühen 20. Jahrhundert gab es mehr als ein Dutzend Synagogen in der Stadt, mehr als die Hälfte der Bevölkerung bekannte sich zum Judentum. Im 2. Weltkrieg  wurden fast alle jüdischen Bewohner während der NS-Terrorherrschaft in Polen ermordet, viele kamen im neu errichteten Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau ums Leben – am Rande ihrer eigenen Heimatstadt.

Von den wenigen, die den Holocaust überlebt hatten, kehrten nur vereinzelt Juden nach Oswiecim zurück. DerVersuch einer Neugründung der Gemeinde gelang ihnen nicht. Die neue Besatzungsmacht hieß Sowjetunion, und die hatte mit ihrer atheistischen Weltanschauung kein Interesse an der Förderung  religiösen Lebens. Und: sie duldete den latent vorhandenen Antisemitismus in Polen. In den 1960er Jahren verließen die letzten jüdischen Bewohner die Stadt.

Bis auf Szymon Kluger. Er kehrte 1962 in das Haus seiner Vorfahren nach Oswiecim zurück. Trotz seiner schrecklichen Kriegserfahrungen – er selbst musste  1942 als Zwangsarbeiter beim Aufbau des KZ in Auschwitz-Birkenau  helfen, in dem dann später seine Eltern umkamen –  blieb er bis zu seinem Tode im Jahr 2000 in der Stadt. Mit ihm starb das reiche, über 400jährige jüdische Leben in Oswiecim. Sein Elternhaus vermachten seine Geschwister der Auschwitz Jewish Center Foundation , die das Gebäude in das neuerrichtete Jüdische Zentrum integrierte. Hier sind neben einer Synagoge ein Museum und ein kleines Cafe mit Buchladen untergebracht.

Und in diesem Cafe stießen die Schüler der AG Erinnerungskultur des St.-Ursula-Gymnasiums bei ihrer  letzten Gedenkstättenfahrt auf die CoeXisT-Artikel. Die Erfahrung,  dass gerade an diesem vielleicht schrecklichsten Ort der Weltgeschichte die Forderung nach Respekt und friedlichem Zusammenleben der Menschen auf diese Weise wachgehalten wird, brachte die Schüler auf die Idee, die CoeXist-Artikel auch in Attendorn zu verkaufen und damit den Versöhnungsgedanken von Auschwitz weiterzutragen. Mit dem Verkauf wird das Jüdische Zentrum in Oswiecim unterstützt, das sich der Bildungsarbeit vor allem mit Jugendlichen und generell der Aussöhnung zwischen den Religionen verschrieben hat.

Gelegenheit zum Erwerb der Artikel, die sich übrigens auch als aussagekräftige Weihnachtsgeschenke eignen,  besteht erstmalig am 14.11. während der Veranstaltung der AG Erinnerungskultur zum Gedenken an die Reichspogromnacht des Jahres 1938 (s. Artikel „Judith und der Junge von Schindlers Liste“). Die musikalisch-literarische Lesung beginnt um 19 Uhr. Karten (kostenlos) sind über das Sekretariat erhältlich; Tel. 02722 92580, E-Mail: gymnasium@st-ursula-attendorn.de 

Christoph Schulte

 

Einladung zum literarisch-musikalischen Abend

Jerzy Grosz und Judith Stapf

Jerzy Grosz wurde 1930 geboren. Er ist der Junge von „Schindlers Liste“. Er hat Vater, Mutter und Bruder sowie 62 weitere Familienmitglieder in der Nazi-Herrschaft verloren. Bei seiner Befreiung war Jerzy 15 Jahre alt und wog 27 kg.Seine Geschichte hat er 50 Jahre für sich behalten.
Bis Steven Spielberg seine Version von Oskar Schindler herausbrachte. Jetzt brach Jerzy sein Schweigen – zu groß war sein Ärger über das, was der Film zeigte. Und was er nicht zeigte. Der Junge von Schindlers Liste fing an, vor Schulklassen und bei Veranstaltungen von seinem Erleben zu berichten.

So hat Judith ihn finden können.

Jerzy Grosz nennt sich bei seinen Auftritten Michael Emge. Wenn er mit seinem wahren Namen in die Öffentlichkeit ging, erreichten ihn Drohanrufe und Schmähbriefe. Unsägliche, braune, neonazistische Post. Bis zuletzt lebt Jerzy unter diesem Pseudonym, mit geheimer Telefonnummer, geheimer Adresse. 

Autorin Angela Krumpen

Angela Krumpen ist Redakteurin u.a. beim Domradio in Köln. In einer Live-Sendung 2009 erzählt Michael Emge ihr seine Geschichte. Zum selben Zeitpunkt, als die Sendung mittags endet, verlässt Judith mit ihren Eltern die Kölner Musikhochschule. Sie hat soeben die Aufnahmeprüfung als Jungstudentin für das Fach Geige bestanden. Da ist sie 11 Jahre alt.

Geigerin Judith Stapf

Angela Krumpen kennt Judith Stapf schon von Kindesbeinen an: die beiden Familien waren Nachbarn. Daher weiß die Redakteurin von Judiths Wunsch, jemanden kennenzulernen, der den Holocaust selbst erlebt hat. Als Geigerin kannte die Schülerin die Filmmusik zu „Schindlers Liste“ von John Williams, gespielt von Itzhak Perlman, Judiths großem Geigenvorbild. Über die Musik kommt sie zum Thema Holocaust – und Angela Krumpen vermittelt ihr schließlich den Kontakt zu Michael Emge. Der hat zunächst  Vorbehalte, Judith sei noch so jung.

Es ist der Beginn einer Freundschaft zwischen dem alten Mann und dem jungen Mädchen. Die unterschiedlichen Lebenssituationen der beiden werden verbunden durch die Liebe zur Musik: auch Michael – Jerzy – hatte als Kind eine vielversprechende Musikerkarriere vor sich, bis die Nazis in seine Heimat Polen einfielen. Als er so alt war wie Judith zum Zeitpunkt ihres Kennenlernens, verbrachte er seine Jugend im Krakauer Ghetto und im berüchtigten KZ Plaszow des NS-Sadisten Amon Göth. Und er erlebte seine Geschichte mit Oskar Schindler. An die Orte dieser Geschichte in Polen kehrt Jerzy Grosz zusammen mit Judith Stapf 2010 zurück. Es ist für ihn eine aufwühlende Reise in eine Vergangenheit, deren Monster ihn sein ganzes Leben nicht mehr losgelassen haben. Er lässt Judith  daran teilhaben. Später auch die Zuschauer des WDR, der diese Reise dokumentiert hat. Und die Leser von „Spiel mir das Lied vom Leben“ von Angela Krumpen, die in ihrem Buch die so besondere Freundschaft zwischen Jerzy Grosz und Judith Stapf begleitet.

Bis zum Tod von Michael Emge 2014 bleiben die beiden befreundet und treten häufig in Schulen und bei anderen Veranstaltungen gemeinsam auf. Judith spielt bei diesen Auftritten häufig die Filmmusik aus „Schindlers Liste“. Das Stück wird für sie dabei  – und für Jerzy Grosz – immer mehr „das Lied vom Leben“. Als sich Judith und Jerzy an dessen Krankenbett endgültig voneinander verabschieden müssen, fließen Tränen. „Vergesst mich nicht. Aber habt Spaß. Macht Pizzaparty!“ – das sind Jerzys letzte Worte an Judith.  

Und so soll es auch in Attendorn sein. Ob es Pizza geben wird, ist noch nicht entschieden – auf jeden Fall wird an diesem Abend im November – wenn auch in nachdenklicher Tonlage – das Leben gefeiert. Anschließend besteht bei einem kleinen Imbiss die Gelegenheit, mit der Autorin und der Geigerin ins Gespräch zu kommen.

Die AG Erinnerungskultur am St.-Ursula-Gymnasium freut sich sich auf Judith Stapf und Angela Krumpen – und auf Jerzy Grosz, der in zahlreichen Einspielungen an diesem Abend mit dabei sein wird. So wie hoffentlich ein großes Publikum.

Christoph Schulte